Vor dem Tor und am Rand (Entwurf 17.01.2026)

Dieser Teil der Schloßstraße zwischen Tor und Friedhof war mein hauptsächlicher Aktionsradius in der Kindheit – Schauplatz unserer Straßenspiele.. Foto: Brunhilde Bross-Burkhardt

Von Brunhilde Bross-Burkhardt

 

Der Bereich vor dem Riedbacher Tor war mein hauptsächlicher Aktionsradius und der meiner Eltern, Großeltern und Geschwister. In Veröffentlichungen über Bartenstein kommt dieser Bereich indes kaum vor. Diese Lücke fülle ich mit meinem Erfahrungsschatz, angerichtert mit Informationen zur Baugeschichte.

 

Die Bauten entlang der Schloßstraße bis zur Linde an der Straßenkehre zählen zum historischen Ortskern. Den Auftakt der Schloßstraße vom Tor aus gesehen bildete einst die große Schafscheuer auf einer Geländeterrasse oberhalb der Schloßstraße. Die Ausmaße des Gebäudes, das bereits 1686 in einem Dokument erwähnt wird, sind heute noch zu erahnen; auf der Flurkarte von 1834 nimmt es eine große Fläche ein. Die Geländeterrasse mit einer Reihe von Gärten auf der Südseite blieb bestehen. Das lange nach der Schafscheuer  im Jahr 1767 gebaute Riedbacher Tor grenzt an das Grundstück an.

 

Handwerk, Gewerbe und Schulwesen
Die Schafscheuer brannte um 1900 ab; an ihrer Stelle ließ die Stadt eine neue Schule für die katholischen Schüler Bartensteins erbauen. Diese 1914 bezogene „Torschule“  ersetzte das alte katholische Schullokal im nördlichen Seitenflügel des Schlosses. Die strikte Konfessionalität der Bartensteiner Gesellschaft zeigte sich neben den Friedhöfen vor allem im Schulwesen mit jeweils eigenen Gebäuden für die evangelischen und die katholischen Schüler. (Mein Großvater und meine Mutter besuchten die evangelische Volksschule an der Straße Richtung Riedbach.) 1956, nach dem Bezug der neu gebauten Volksschule unterhalb der Alten Steige, verkaufte die Gemeinde das Gebäude an die Deutsche Bundespost. Diese richtete eine Poststelle mit großer Schalterhalle und Schaltschränken fürs Telefon darin ein und betrieb sie bis 1997. Das Gebäude ist heute in Privatbesitz. Technische Anlagen der Telekom AG sind noch im Gebäude untergebracht.

 

Im weiteren Verlauf nach Osten bis zur Straßenkehre an der Linde ist die Schloßstraße lockerer bebaut als im Bereich nach dem Tor, mit Freiflächen und Zufahrten zwischen den Gebäuden, teils mit von der Straße zurückgesetzten Scheunen. Die hohe Stützmauer des 1737 angelegten Friedhofes fügt sich in die Straßenflucht. Ebenfalls in diese frühe Bauphase fällt die 1738 erbaute Ziegelhütte schräg gegenüber. Wegen der davon ausgehenden Feuergefahr siedelte man die Manufaktur einst weit weg vom Schloss an und verlegte sie später noch weiter nach draußen auf den Maisenhof. Für die umfangreichen Bautätigkeiten in Bartenstein brauchte man schließlich Ziegelsteine. Die Nutzung änderte sich, als 1797 das Gasthaus „Zum Kaiser“ eröffnete. Dieses wurde unter verschiedenen Eigentümern und Pächtern bis in die 1970er-Jahre weitergeführt. Einige Jahre lang schnitt und legte Friseur Wörwag im Obergeschoss die Haare; bereits seit Jahrzehnten wird es als Wohnhaus genutzt. Wegen der kulturhistorischen Bedeutung ist dieses Gebäude mit der Straßennummer 74 als einziges im östlichen Teil der Schloßstraße als Kulturdenkmal ausgewiesen. Nur ein paar Häuser weiter stand das Gasthaus „Zum Roß“, das in jüngerer Zeit abgerissen und durch ein neues Wohnhaus ersetzt wurde. Die angrenzende Scheune existiert noch. Die historische Ortsbebauung endet heute im Bereich der Einmündung der Schloßstraße in die Riedbacher Straße.

 

Moderne Infrastruktur am Rand
Erst 1884 setzte sich die Bebauung nach Osten mit der Evangelischen Schule fort. In der Einklassenschule wurden bis zur Gründung des Volksschulverbandes Bartenstein-Ettenhausen 1936 die evangelischen Schüler Bartensteins, die zuvor der überfüllten Schule in Ettenhausen zugeteilt waren, unterrichtet. Danach fungierte das Gebäude eine Zeit lang als Hauswirtschaftsschule, dann als Lager. An die alte Nutzung erinnert der Name der in dem privaten Gebäude ausgebauten Ferienwohnung – „Im alten Schulhaus Bartenstein“.
Die Zeit der Konfessionsschulen mit am Ende dieser Phase etwa gleich hoher Schülerzahl endete 1936. Nach jahrzehntelangem Platzmangel und Gebäudenotstand konnte 1956 die neue vierzügige Schule unterhalb der Alten Steige auf Gemarkung Ettenhausen bezogen werden. Fritz Müller aus Stuttgart, der viele Schulen im Landkreis in der gleichen Bauweise mit großflächigen Fenstern geplant hat, war der Architekt. Die östliche Hälfte des nur wenige Jahrzehnte alten Gebäudes mit „meinen“ Klassenzimmern wurde zu meinem Bedauern abgerissen. In der verbliebenen westlichen Hälfte ist der Kindergarten untergebracht.


Nur wenige Jahre nach dem Bau des Schulhauses –1961 – schulterte die Gemeinde den Neubau der Turn- und Festhalle am Ortsrand – Schauplatz vieler Vereinsaktivitäten und Festlichkeiten, unterdessen von der Stadt Schrozberg erneuert und mit Anbauten erweitert. Als jüngster kommunaler Bau kam das Feuerwehrmagazin an der Niederstettener Straße hinzu.
So füllt sich langsam das Areal zwischen dem einstigen Ortsrand und der einzeln stehenden Maisenhof-Scheune im Osten. Neue Wohngebiete und einzelne Neubauten verändern den Charakter von Bartenstein als Ort, in dem aus architektonischer Sicht die Zeit bis Mitte des 20. Jahrhunderts stehen zu bleiben schien.

 

Handwerk schafft Wohlstand
Bei genauem Hinschauen setzte der Wandel schon früher ein: Im Lauf des 20. Jahrhunderts erlangte die Vorstadt eine tragende Bedeutung für die Ortsgemeinschaft. Einige Handwerksmeister, vor allem Bauhandwerker sowie Gewerbetreibende siedelten sich „vor dem Tor“ neu an oder erweiterten ihre Betriebe, so die bereits 1848 gegründete Schlosserei Kinzy (die nach dem Zweiten Weltkrieg als Metallbau Kinzy firmierte), die Flaschnerei Seitz, die Schreinerei Schropp, das Maurergeschäft Hofmann, das Zimmer- und Dachdeckergeschäft Hoffmann mit Sägewerk und „Kistlesfabrik“, die Sattlerei Nubert, das Sägewerk Reinhard, an dessen Stelle sich heute eine Autowerkstatt befindet.  Die Handwerksmeister bildeten Lehrlinge aus und beschäftigten Gesellen; so brachten sie als Arbeitgeber und als Steuerzahler wirtschaftliche Prosperität in den Ort. Ihre Geschäftsbeziehungen reichten weit über Bartenstein hinaus. Deren Ära endete, weil es – mit wenigen Ausnahmen – keine Nachfolger gab und sicherlich auch, weil sich die wirtschaftliche Gesamtsituation änderte. Vom regen Treiben in Handwerk und Gewerbe blieb also kaum etwas übrig. Womöglich belebt sich die Tradition Bartensteins als Handwerkerstädtchen mit der Belegung des geplanten Gewerbegebietes Schlossäcker in der Niederstettener Straße. Ein paar Tiny-Houses stehen bereits.
Brunhilde Bross-Burkhardt

 

Szenerien vor dem Tor aus den 1950er-Jahren. Die neue Schule des Volksschulverbandes Bartenstein-Ettenhausen wurde 1956 eingeweiht; die Einweihung der Turn- und Festhalle folgte 1961. Fotos: Archiv B. Bross-Burkhardt, Archiv Bärbel Fleck

 

Der Ortskern von Bartenstein ist umgeben von vielfältiger kleinstrukturierter Kulturlandschaft mit Streuobst und Weideland für große und kleine Nutztiere.. Fotos: Brunhilde Bross-Burkhardt

Am "Dreiländereck" am Ortsausgang stoßen drei Gemarkungsflächen aneinander, die von Bartenstein, Ettenhausen und Riedbach. Foto: B. Bross-Burkhardt