Das Rondell Rosaruh mitten im Jungholz. Es handelt sich dabei um einen von einem Wassergraben umgebenen Hügel. Foto: B. Bross-Burkhardt
Essay von Brunhilde Bross-Burkhardt
Womöglich liegt einer meiner Milchzähne noch auf dem Grund des Rondellhügels im Jungholz. Das kam so: Mein Vater nahm mich mit ins Jungholz und kletterte mit mir auf den Hochsitz im Rondell. Er befreite mich von dem wackelnden Milchzahn und steckte ihn in die Spalte eines Baumes, der sich an den Hochsitz anlehnte. Ich meine, es war eine Fichte. So hatte ich als Kind eine innige und sehr körperliche Beziehung zu dem Ort, schließlich steckte ein Teil von mir darin.
Keltengräber oder Jagdhügel?
Mein Vater sprach vom „Rondell Rosaruh“ und das gab er auch an seine Schüler im Heimatkundeunterricht weiter. Er war der Überzeugung, dass es sich um den Hügel im Rondell um ein Keltengrab handele. Er bezog sich dabei höchstwahrscheinlich auf einen Beitrag des Archäologen Oscar Paret in "Württembergisch Franken". Dort steht, dass zwei der Grabhügel im Fürstlich Hohenlohe-Bartensteinischen Wald Jungholz im 18. und 19. Jahrhundert durch einen Wassergraben eingefasst wurden. Einer davon sei von einer Bartensteinischen Prinzessin als "Rosaruhe" ausgebaut worden. Ebenfalls als Grabhügel wurden die beiden anderen flachen Erhebungen im nördlichen Teil des Jungholzes gedeutet. (Dieser Teil des heutigen Jungholzes war nicht immer bewaldet; auf der Flurkarte der Württembergischen Landesvermessung befand sich am Ostrand des Waldstücks eine Wiese.) Diese Vermutung ist naheliegend, denn schließlich siedelten Kelten in der Gegend, nicht weit entfernt vom Jungholz im Waldgebiet Lenzeiche. Im Umkreis von zehn bis zwanzig Kilometern gibt es zudem etliche Viereckschanzen – bei Niederstetten, bei Langenburg und in Creglingen-Finsterlohr sogar ein Keltisches Oppidum.
Nach Auskunft des Denkmalamtes handelt es sich bei den Hügeln im Jungholz jedoch nicht um Keltengräber, sondern um Jagdhügel. Ob man das mit abschließender Sicherheit sagen kann ...? Ob jemand dort je gegraben hat ...? Für mich bleibt es ungewiss, um was es sich bei diesen flachen, von Gehölzaufwuchs und Brombeerranken überwuchterten Hügeln handelt.
Nahe der Kaiserstraße
Dass das Jungholz von jeher fürstliches Jagdrevier war, geht aus historischen Jagdkarten hervor. Das Jungholz erscheint unter dem Namen bereits auf auf ca. 1700 datierten Jagdkarten, ist dort allerdings nur schematisch kreisrund dargestellt. Gut erkennbar ist auf der Karte der Galgen unmittelbar neben der Straße, das so genannte Hochgericht. Hier wurde tatsächlich noch 1786 ein Mörder gehenkt. Auf der Schmitt’schen Karte, einer Militärkarte von 1797, wird das Waldstück als „Thiergarten“ bezeichnet. –
Östlich davon verläuft die Kaiserstraße, auf der die Kaiser zur Krönung nach Frankfurt zogen. Auf ihr bzw. auf ihrer Trasse marschierten und ritten am 5. Mai 1645 auch die später siegreichen kurfürstlich bayerischen Truppen zur Schlacht von Herbsthausen.
Baumbestand historisch und aktuell
Keine der historischen Karten bildet das Innere des Jungholzes ab, weder die Schmitt'sche Karte von Südwestdeutschland (1797) noch die gezeichnete und gedruckte Urkarte von 1833.
So geben die Karten keinen Hinweis darauf, wie es im Inneren des Waldes ausgesehen hat. Im nördlichen Teil des Waldes ist in der Urkarte die Signatur Nadelholz eingezeichnet; zur Zeit der Erstellung kann es sich nur um Fichten oder Tannen gehandelt haben. In dem Waldstück stehen auch heute Nadelbäume – hoch gewachsene Douglasien mit reichlich Naturverjüngung, was darauf hindeutet, dass die Baumart, die erst 1831 aus dem westlichen Nordamerika in Deutschland eingeführt worden ist, hier ideale Standortbedingungen vorfindet. Der restliche Wald ist mit Mischwald bestockt. Amerikanische Roteichen sind mit dabei. Stiel-Eichen begrenzen das Jungholz nach Westen. Eine im Norden ans Jungholz angrenzende feuchte Wiese wurde bereits in meiner Kindheit mit Fichten aufgeforstet. So verschwanden die seltenen und geschützten Trollblumen, die mir als Kind so gut gefielen. Auf der ans Jungholz westlich angrenzenden Wiese ragen neuerdings Aufwuchshülsen aus Kunststoff auf, aus denen vereinzelt Eichenschößlinge herausspitzen. Hier wurde aufgeforstet, womöglich handelt es sich um eine Ausgleichsfläche.
Jagdschneisen und Brückenreste
Heute ist das Jungholz mit Wegen, die aufs Rondell zulaufen, erschlossen. Oder andersherum betrachtet: Vom Hochsitz auf dem Rondellhügel kann der Jäger das Wild aufs Korn nehmen. Es handelt sich also höchstwahrscheinlich um Jagdschneiden. Wie lange es diesen – nicht ganz vollständigen – Wegestern schon gibt, ist nicht bekannt. Auf den historischen Karten sind im Jungholz keinerlei Wege eingezeichnet. Die Anlage erinnert an den Jagdpark auf dem Karlsberg bei Weikersheim mit seinen Jagdschneiden, der im 18. Jahrhundert angelegt wurde oder an den "Thiergarten" bei Schloss Ludwigsruhe, zu Langenburg gehörend. Es ist also naheliegend, dass das Rondell bereits Teil des Lust- bzw. Wildparks war, den Fürst Ludwig Ende des 18. Jahrhunderts anlegen ließ. Dazu mehr in einem separaten Artikel auf dieser Webseite.
Wer heute aufmerksam durchs Jungholz streift, entdeckt neben dem Wegesystem weitere Spuren menschlichen Wirkens, insbesondere Hügel und wassergefüllte Gräben. Beim Rondell im Zentrum des Jungholzes, dem Rondell "Rosaruh", wie oben beschrieben, handelt es sich um einen wassergefüllten Grabenring mit Insel, zu der eine eingesunkene und überwachsene Brücke führt. Nur die Sandsteinpfosten vom Geländer und die herabgesackten Brückensteine deuten noch auf das kleine Bauwerk hin. Früher soll auf der Insel ein Pavillon mit Rindenverkleidung gestanden haben. All dies war wohl Teil der Englischen Anlagen im Jungholz.
Wälle und Gräben
Wasser kommt auf dem kuppigen Gelände des Jungholzes an vielen Stellen an die Oberfläche; in Vertiefungen und Gräben steht es über dem tonhaltigen Lettenkeuperuntergrund. (Hier im Lettenkeuper haben einige Quellen, die dem Katzenbach zufließen, ihren Ursprung.) So auch im Graben, der etwas nördlich von dem zweiten Rondell verläuft. Westlich des Zugangswegs setzt er neu an, verbreitert sich und ist beidseitig von Wällen eingefasst – so wie bei dem Wall- und Grabensystem von Keltischen Viereckschanzen. In der Urkarte von 1833 und in topographischen Karten ist dieser etwa 100 Meter lange, leicht gekrümmte Graben abgebildet und blau als Gewässer markiert.
Welche Funktion dieser Graben wohl hatte, wann er angelegt wurde? Das Landesdenkmalamt hat keine Erklärung für dieses Erdbauwerk. Worum es sich bei diesem Gewässer handelt, bleibt ein Rätsel. Mehr dazu schreibe ich in einem weiteren Beitrag auf dieser Webseite..
Jedenfalls wussten die Bartensteiner Jugendlichen früher etwas mit dem wassergefüllten Graben anzufangen – wir Bross-Geschwister wie bereits unsere Mutter. Bei Frost verwandelt sich die Wasserfläche nämlich in eine Bahn zum Schlittern oder Schlittschuhfahren. Heute sieht es nicht mehr nach Wintervergnügen aus; Baumstämme und Astwerk liegen kreuz und quer über dem Graben und verbarrikadieren die Bahn.
Rätselhafter Graben beim Sportplatz. Foto: B. Bross-Burkhardt
Literatur:
Oscar Paret: Unsere vorgeschichtlichen Grabhügel in Württemberg und Hohenzollern. In: Jahrbuch des historischen Vereins für Württembergisch Franken 28/29, 1954, S. 33-64
Rudolph Friedrich von Moser: Vollständige Beschreibung von Württemberg, in allen seinen Städten, Dörfern, Flüssen, Bergen, Merkwürdigkeiten, wichtigen Ereignissen ec: ein geographisch-statistisch-topographisches Hand- und Hausbuch für Beamte, Kaufleute, Gewerbetreibende ec. : in alphabetischer Ordnung nach den ..., Band 1, 1843, S. 601, Digitalisat