Die Kehrseite des barocken Glanzes oder Was es mit dem Spruch „Eddahausa, Bardastoa – Lumbagsindel groaß und gloa“ auf sich hat (Entwurf 27.01.2026)

Bartenstein hat im nördlichen Altkreis Crailsheim ein schlechtes Image. Wenn man früher sagte – im Gerabronner Gymnasium oder auf der Muswiese etwa –, man käme aus Bartenstein, hatte jeder sofort den Spruch parat: „Eddahausa, Bardastoa – Lumbagsindel groaß und gloa“. Die beiden Orte waren verschrieen als arm und hinterwälderisch, bevölkert von Lumpengesindel, in etwa gleichbedeutend mit potentiellem Diebsgesindel. Da fühlten wir Bartensteiner uns irgendwie in unserer Ehre gekränkt und verteidigten uns vehement. Denn wir wussten ja, dass dem nicht so ist. Das schlechte Image des abgelegenen Ortes am äußersten Zipfel des Landkreises Schwäbisch Hall hält sich indes bis heute.

 

Verfehlte Ansiedlungspolitik

Doch dieser Spruch hat einen wahren Kern. Er beruht letztlich auf der Ansiedlungspolitik und der Stadtarchitektur der katholischen Bartensteiner Fürsten Karl Philipp und Ludwig Leopold. Von moderner Städteplanung keine Spur! Die Fürsten wollten mit dem Ausbau des Schlosses und der Stadt eine katholische Landmarke im evangelischen Hohenlohe setzen. Zuvor gab es noch keinen richtigen Ort Bartenstein. Es ging den Fürsten darum, möglichst viele katholische Seelen um sich zu scharen.

Denen musste Wohnraum angeboten werden. Deshalb warb man etwa ab der Mitte des 18. Jahrhunderts gezielt Katholiken zur Besetzung der Stellen am Hof und Handwerker an und stellte ihnen sogar Häuser und Wohnungen zur Verfügung. Dem Ruf folgten viele von nah und fern, aus den katholischen Gegenden um Ellwangen und sogar aus Ungarn und Tirol. Luxushandwerker genauso wie Bettler, Vagabunden …

Bis sich schließlich über tausend Personen in dem winzigen Ort drängten.

Zu den barocken Glanzzeiten mag das einigermaßen funktioniert haben. Geld verdienen konnte man durch die Nachfrage des Fürstenhauses und die Binnennachfrage. Als die Hofhaltung 1798 nach dem Tod von Ludwig Leopold abrupt aufgegeben wurde, fielen auch die Einkommensmöglichkeiten für die Bevölkerung weitestgehend weg. Noch verstärkt durch den Zusammenbruch des Feudalsystems 1806 und andere Faktoren. Sohn und Enkel von Ludwig Leopold lebten nicht mehr in Bartenstein. Die Bevölkerung verarmte. Hungerzeiten begannen. Viele wanderten sicherlich in andere Gegenden mit besseren Einkommensmöglichkeiten ab, andere blieben und schlugen sich irgendwie durch. Dass da gebettelt, gestohlen und gewildert wurde, kann man sich gut vorstellen.

 

Hungerzeiten

Wie Bartenstein im Verhältnis zu den anderen Gemeinden im Oberamt stand, zeigt sich in den Statistiken, die in der Oberamtsbeschreibung von 1847 abgedruckt sind. Bartenstein hatte demzufolge im Jahr 1847 1082 Einwohner, davon 813 Katholiken. Das Oberamt insgesamt zählte 27.270 Einwohner, wovon nur 1340 Katholiken waren. Bartenstein war also eine katholische Enklave in evangelischer Umgebung. (Eine weitere katholische Enklave gab es das Ettetal abwärts in Zaisenhausen und Mulfingen.) 

Laut Statistik hatte  Bartenstein die höchste Bevölkerungsdichte im Oberamt: Auf einen Einwohner kam nur 0,2 Württembergische Morgen Land; das entspricht gut 600 Quadratmeter. De facto stand für den Einzelnen weit weniger Fläche zur Verfügung, weil ein Großteil des Landes von der Standesherrschaft bewirtschaftet wurde. – Von solch kleiner Fläche und dazu von schlechter Güte kann sich niemand ernähren; andere Einkommensmöglichkeiten gab es kaum. In der Oberamtsbeschreibung von 1847 steht denn auch, dass die Mehrzahl der Einwohner dieses Ortes „ganz arm“ sei. 

 

„Die 124 Gewerbsleute und 20 Taglöhner sind bei dem Mangel besonderer Industriezweige auf spärlichen Verdienst in der Nachbarschaft verwiesen. Als vom letzten Drittel des siebzehnten Jahrhunderts [gemeint ist 18. Jahrhundert] an rasche Ansiedlungen Fremder begünstigt wurden, scheint der Ernährungspunkt ganz übersehen worden zu seyn. Der gedrückten Lage der meisten Einwohner des Ortes ist es auch zuzuschreiben, dass manche derselben nicht gut geartet sind und der Nachbarschaft in manchfachen Beziehungen zur Last fallen. Bei dem geringen Umfang der Gemarkung ist Besserung dieses Zustandes auch nicht zu hoffen, zumal da von den 167 7/8 M. derselben nur 57 1/8 M. nutzbares Eigenthum der Privaten sind, von der übrigen Fläche aber der Grundherrschaft 13 2/8 M. als Gärten und Gebäude-Areal, 84 2/8 M. als Äcker, 7/8 M. Wiesen, 2 1/8 M. Weiden gehören. Die Gemeinde, bei der sich keine Gemeinderechte finden, besitzt gar kein nutzbares Grundeigenthum und überhaupt kein Vermögen.“

 

In den bäuerlich geprägten Orten des Oberamts war die Versorgungslage ungleich besser, beispielsweise in Wittenweiler, wo auf einen Einwohner 13,5 Württembergische Morgen Land (1 Morgen = 3152 Quadratmeter) kam.

 

In weiteren, entfernter liegenden Ortschaften des einstigen Kleinstaats Hohenlohe-Bartenstein war die Situation ähnlich: So in Untergröningen (heute zu Abtsgmünd im Ostalbkreis gehörend), wo die Herrschaft in der bis dahin evangelischen Gemeinde in einer „Colonie“ Katholiken angesiedelt hatte. In der Oberamtsbeschreibung Gaildorf von 1852 steht dazu, dass die meisten Einwohner arm und überschuldet seien, dass namentlich die „katholische Colonie“ die öffentliche Fürsorge in Anspruch nehme. 

Ganz ähnlich steht es in der Oberamtsbeschreibung von Öhringen für Pfedelbach von 1865: „Die katholische Bevölkerung, welche infolge der katholischen Confession der regierenden Herrschaft erst seit 1728 herbeigezogen worden ist, hat keinen größeren Besitz und ist mehr auf Gewerbe angewiesen ...“

 

 

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