Das ehemalige Geschäftshaus liegt in der Vorstadt zwischen Riedbacher Tor und Friedhof, es trägt seit einigen Jahren die Hausnummer Schloßstraße 51. Vor der Neuvergabe der Hausnummern war die Adresse Schloßstraße 108. Der hinter dem Haus liegende Garten mit eigener Flurstücksnummer grenzte zur Zeit der Erbauung an einen Acker, der dem Fürstenhaus gehörte. Heute verläuft entlang des Gartenzauns die Neue Straße, mit einer Garagenzeile gegenüber vom Gartentor.
Mein Großvater, Flaschnermeister Georg Seitz (1896–1972), ließ das geräumige Wohn- und Geschäftshaus 1937 bauen. Es ruht mit dem der Schloßstraße zugewandten Teil auf einem viel älteren Kellergewölbe, das nach dem Abriss des einstöckigen Gebäudes, das zuvor an der Stelle gestanden hatte, stehen geblieben war. Auf der Urkarte der Württembergischen Landvermessung von 1834 ist das Vorgängergebäude zu erkennen. Es kann also gut sein (es ist also ziemlich wahrscheinlich, aber nicht belegbar), dass der Keller noch aus der ersten Bebauungsphase der Vorstadt um etwa 1760 bis 1770 datiert. Das Kellergeschoss ragt nach Süden einen knappen Meter über das Straßenniveau hinaus, so dass das Erdgeschoss im Hochparterre liegt. Vor den Haussockel wurde ein „Trottoir“ betoniert, das eine hohe Stufe über dem Straßenniveau lag. Das über elf Meter hohe Haus wurde mit Ziegelsteinen aufgemauert. Verputzt wurde das Gebäude erst einige Jahre nach Kriegsende, wie ein Fotodokument (siehe unten) belegt. Den Bauplan fertigte der Baumeister und Wasserbautechniker Karl Betzner aus Schrozberg.
Mit Meterstab und Maßband
Das neue Haus gab dem Handwerksbetrieb und dem Ladengeschäft meines Großvaters einen repräsentativen Rahmen. Im hohen Ladenraum samt Magazin mit zwei großen Schaufenstern nach Süden verkaufte meine Großmutter Frida Seitz Haushaltswaren und wickelte die Aufträge für meinen Großvater ab. Im Büro daneben stand der Schreibtisch meines Großvaters; der Raum fungierte zudem als Schneideratelier meiner Mutter und Großmutter. Meterstab, Maßband, Schneiderkreide und Nadelkissen waren hier immer zur Hand.
Im Ladengeschoss war zu meiner Kinderzeit um 1960 ein ständiges Kommen und Gehen der Kundschaft und der Handelsvertreter für Eisenwaren, Stoffe und Kurzwaren. Die Vertreter brachten Abwechslung und Neuigkeiten in den abgelegenen Ort. Die Kunden kamen hauptsächlich aus den umliegenden Weilern und Dörfern, wo auch mein Großvater seinem Flaschnerhandwerk nachging; er montierte auf den Bauernhöfen Wasserleitungen und brachte Dachrinnen an.
Die eigentliche Flaschnerwerkstatt meines Großvaters mit Zangen aller Art, Gerätschaften zum Löten und einem Berg an Blech und Rohren blieb im schräg gegenüberliegenden Gebäude Schloßstraße 60, in dem die Familie Seitz zuvor gewohnt hatte. Nach dem Tod meines Großvaters verkaufte meine Großmutter das Gebäude an die Familie Haug.
Vom Trottoir aus konnte die Kundschaft die Auslagen in den beiden Schaufenstern betrachten – Wannen, Töpfe, Vasen, Emaille-, Steingut- und Porzellangeschirr. Besonders an die Sammeltassen erinnere ich mich; sie waren ein beliebtes Konfirmationsgeschenk. Zum Ladeneingang führten ein paar Treppenstufen in einer Nische, die mit einem Rolladen geschlossen werden konnte. Zur Bauzeit des Hauses und zu meiner Kinderzeit war die Schloßstraße vor dem großelterlichen Haus noch eine Staubstraße.
Gebäude in der Flucht der Schloßstraße
Das Haus fügt sich in den Verlauf der in der Barockzeit angelegten Schloßstraße. Das Grundstück ist zweigeteilt. In den der Schloßstraße zugewandten Teil mit dem Haus und in den Gartenteil, der auf höherem Geländeniveau liegt und mit einer hohen Mauer abgefangen ist. Zwischen Haus und Mauer bestand so ein langer und schmaler Hinterhof, von dem eine Treppe hinauf zum Garten führt. (Das Gelände fällt hier, genau wie beim Hofgarten, zum Katzenbachtal hin ab.) Über einen nachträglich angebauten Balkon am ersten Stock gelangt man wie über eine Brücke von der Küche in den Garten und zum Gartenausgang in die Neue Straße. Der Bruder meines Vaters, der Bauingenieur Bruno Bross, zeichnete den Plan. Zum Nachbargrundstück hin wurde eine Mauer hochgezogen. Die Garage, gerade groß genug für den VW-Käfer, wurde Anfang der 1950er-Jahre in den Garten gebaut, mit Zufahrt von der Neuen Straße her.
Die kurze Geschichte der Bewohner
Wenige Jahre nach dem Einzug, 1941, kam der Bruder meiner Mutter, Karl, durch ein Unglück ums Leben. Der 14-Jährige starb als Folge eines Böllerschusses auf dem „Boppa Bückele“ an einer Hirnblutung. Meine Mutter Gerda (geb. 1929) wurde so zum Einzelkind und musste fortan Aufgaben, die eigentlich ihrem Bruder zugefallen wären, übernehmen. So machte sie bereits um 1950 den Führerschein, um meinen Großvater mit dem neuen VW Käfer zu seinen Arbeitsstätten in den umliegenden Dörfern und Weilern fahren zu können. Als Beruf erlernte meine Mutter das Schneiderinnenhandwerk und besuchte dazu die Berufsschule in Bad Mergentheim.
In der Zeit unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkrieges waren kurzzeitig – bis Oktober 1945 – Amerikaner im Haus einquartiert. In der Nachkriegszeit lebte „das Fräulein Hassler“ in zwei Zimmern im Dachgeschoss. Ihr Haus mit der Schlosserwerkstatt ihres Vaters am unteren Stadttor war am Ende des 2. Weltkriegs zerstört worden.
Mein Vater Robert Bross, der 1952 seine erste Lehrerstelle an der Volksschule in Bartenstein-Ettenhausen angetreten hatte, heiratete 1954 meine Mutter Gerda Seitz. Ich und meine beiden jüngeren Geschwister verbrachten die ersten Lebensjahre im geräumigen Haus der Großeltern, bis meine Eltern 1963 schräg oberhalb in der Neuen Straße ein neues Haus bezogen. An die frühen Lebensjahre in dem Haus in der Schloßstraße erinnere ich mich gut. Mit seinen fünf Stockwerken empfand ich es immer als groß und auch ein wenig beängstigend mit dem Gewölbekeller als dunklem Loch, in dem ich mich gefangen fühlte. Nur durch eine Öffnung für Schüttgut und ein seitliches Fenster drang in den Raum mit geschwärztem Mauerwerk etwas Licht.
Treppauf, treppab
Das Leben in diesem Haus spielte sich um die Holztreppe aus Eiche herum ab. Diese Treppe verfolgt mich noch heute bis in meine Träume. Im großelterlichen Haus ging es immer treppab und treppauf – in den Laden im Erdgeschoss, in die Waschküche mit der Waschmaschine, ins Nähzimmer, ins Badezimmer und noch tiefer hinab in den Gewölbekeller, wo die Mostfässer meines Großvaters standen und die Vorräte lagerten: das Eingemachte auf einem Holzregal, die in Kieselgur eingelegten Eier in einem Steinguttopf, die Gelbe Rüben in mit Sand gefüllten Kisten, die Kartoffeln in Horden … Die Trockenbohnen, die „Bohnenkerne“, wiederum hingen in einem Stoffsäckchen auf der Bühne. – Neben ihren Handwerken betrieben meine Großeltern und meine Eltern eine umsichtige Selbstversorgerwirtschaft. Mein Großvater stellte selbst Apfel- und Birnenmost aus Obst von unseren „Obstbergen“ und aus von der Gemeinde über den so genannten „Obstverstrich“ gekauften Äpfeln und Birnen her. Für Eierkohlen und Briketts gab es Verschläge. Das Brennholz lagerte unter dem Balkon und auf dem Dachboden. Mein Vater hielt in einem Verschlag über der Garage Tauben und die aßen wir auch.
Ein gutes Verhältnis hatten wir insbesondere zur Familie von Schlossermeister Kinzy und zu den „Kaiserwirts“, der Familie Haag, auf der gegenüberliegenden Seite der Schloßstraße.
Haus bleibt fast im Originalzustand
Meine Großmutter lebte bis kurz vor ihrem Tod 1978 in diesem Gebäude. Auch während der danach folgenden Vermietungen und Nutzungen blieb das Haus im Inneren annähernd so wie beim Erstbezug. Baulich wurde danach kaum etwas geändert; lediglich ein paar Fenster wurden ausgetauscht. Gerade die alten Türen mit Beschlägen samt Türstürzen, die Holz-, Fliesen- und Terrazzoböden und Lampen geben dem Haus im Inneren Charakter. Lediglich im Dachgeschoss war nach einem Zimmerbrand renoviert und Teppichboden verlegt worden. Das Raumklima in diesem aus Ziegeln aufgemauerten Gebäude empfand ich immer als sehr angenehm – so richtig zum Durchatmen. Auf der Südseite wurde im Rahmen der Dorfentwicklung und Ortsverschönerung 1988/89 das Trottoir entfernt und erhöhte Pflanzbeete angelegt, die wir mit Rosen, Stauden und einem Weinstock bepflanzten. Mein Vater hatte den Steckling aus dem Aostatal mitgebracht.
Als abzusehen war, dass weder ich noch meine beiden Geschwister das Haus je bewohnen oder nutzen würden, verkauften wir es schweren Herzens. Unsere Mutter, die in diesem Haus gelebt und gewirkt hatte, war nicht lange davor gestorben.
Viel Potential für neue Nutzungen
Dem neuen Besitzer ist es ein großes Anliegen, die alte Bausubstanz – Mauerwerk, Fenster- und Türstürze, Treppen, Fußböden und Türen – nach Möglichkeit zu erhalten. Die von einem Architekten begleitete Sanierung geschieht peu á peu mit viel Eigenleistung. Umbaumaßnahmen werden durch das Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR) gefördert. An das Förderprogramm sind allerdings Auflagen geknüpft; beispielsweise müssen genügend Stellplätze für PKW ausgewiesen werden, was bei der engen städtischen Bebauung nur schwer erfüllbar ist. Das Gebäude selbst steht nicht unter Denkmalschutz, es unterliegt aber dem Ensembleschutz, was beim Umbau ein paar Einschränkungen mit sich brachte; so durfte die Dachgaube nach Süden nicht so groß gebaut werden wie geplant, und zusätzliche Dachfenster nach Süden wurden von der Unteren Denkmalschutzbehörde auch nicht genehmigt. Freie Hand hatte der Besitzer bei der Wahl der Fassadenfarbe. Mit ihrem gebrochenen Graublau der Farbe „Keim Exclusiv 9463“ setzt sie im Straßenzug einen farblichen Akzent, der vom dunkleren Graublau der Fensterläden (RAL 5008) noch akzentuiert wird. Die Umrandung der Fenster ist mit der Farbe 9564 von sto ausgeführt.
In Anlehnung an die alte Nutzung als Geschäft erhält der jetzige Besitzer die Ladenfläche als bauliches Relikt aus der Zeit Bartensteins als Handwerkerstädtchen. Die beiden Schaufenster blieben in ihren Maßen erhalten, lediglich neue Fenster mit braunen Holzrahmen wurden eingesetzt. Hinter der Original-Türe öffnet sich der geräumige Ladenraum mit offenen Möglichkeiten, ihn zu nutzen – für ein Café, eine Galerie oder …
Literatur:
Bartenstein. Seine Gasthäuser, seine Ladengeschäfte, seine Handwerker und seine Originale um 1960. Dokumentation von Dieter Munz, Bartenstein
Vom Bauplan bis zum renovierten und auffallend gestrichenen Haus des neuen Besitzers. Fotos: B. Bross-Burkhardt, Archiv Bross, Archiv Bärbel Fleck